Boris Grebenshikov zwischen Chaos und Harmonie

Interview BG für die Zeitschrift „Eva“. Vilna, 12 Mai 2002.

Ich gebe zu, dass ich mich während der Sowjetzeit weder für Boris Grebenshikov, noch für die legendäre Band „Aquarium“ interessiert habe, und dass sich damit eine deutliche Bildungslücke aufgetan hat. Während meiner Wanderungen im Himalaja habe ich etwas über BG erfahren, denn hier haben die Mönche aus Burjatija und Kalmykija ihn Tag und Nacht gehört, und die Wanderer aus Moskau und Piter (Anmerkung der Übersetzerin: liebevolle Bezeichnung der Einwohner Sankt Petersburgs für ihre Stadt) haben ständig seine Verse zitiert. Einmal habe ich BG in Katmandu selbst aus weiter Ferne in menschlicher Gestalt gesehen. Vielleicht ist er deswegen für mich mit dem Osten verbunden.
Aus diesem Grund habe ich ihm, als verehrtem geistigen Lehrer, vor Gesprächsbeginn einen Hadak, einen tibetischen Seidenschal, in den Mantras und die Glücksbringer eingewebt sind, überreicht. Sogar begrüßt haben wir uns auf Tibetisch: Taschi Delek. Aber als BG sich mit meinem Geschenk bedeckt und die Schalspitzen pedantisch unter den Schoß seiner Lederweste hat, verstand ich, dass ich auf ein wesentliches Detail nicht geachtet hatte. Und zwar darauf, ob er die Kleidung trug, die zum Leitmotiv dieser Tournee geworden war: ein T-Shirt mit dem Schriftzug NOBODY KNOWS I AM A LESBIAN. Dafür habe ich Rosenkränze – einen am Hals, einen anderen ums Handgelenk bemerkt, und dazu - an den Fingern beider Hände - eine erschöpfende Exposition östlicher Ringe. Aber selbst das hat meine Angst nicht verringert – ich habe gehört, dass BG sich Journalisten gegenüber sehr hochmütig benimmt.

- Kollegen haben mich vorgewarnt, dass Sie mit Medienvertretern sehr ironisch und sogar sarkastisch sein können, und selbst die ernstesten Fragen zu Schwarzem Humor machen. Dabei ist der Held Ihrer Balladen so sensibel und romantisch...
- Ich bin auch ironisch. Und romantisch bin ich auch. Und sensibel. Ironie hat noch niemandem geschadet. Ich denke, Sinn für Humor ist die einzige gut geeignete Methode, um mit der Welt und mit sich selbst zu kommunizieren.

- Man hat mir auch gesagt, dass Sie während Interviews sehr lakonisch sind und diese für Sie uninteressante Prozedur möglichst schnell zu beenden versuchen. Ich hoffe aber auf ein längeres Gespräch...

- Wir können reden solange ich Tee trinke. Tee trinke ich sehr lange und viel, wie ein alter Chinese. Manchmal sogar den ganzen Tag lang, - an dieser Stelle goß BG sich eine dampfende Flüssigkeit aus einer pastellfarbenen Teekanne ein. Die Miniaturgrößen des Geschirrs wirkten nicht gerade vielversprechend.

- Ihr neustes Album heißt „Schwester Chaos“. Warum nicht „Schwester Harmonie“, und wenn schon Chaos, warum dann nicht Bruder?

- Es fällt mir schwer, einen Namen zu interpretieren, der absolut intuitiv entstanden ist, aber ich habe ein paar Gedanken zu diesem Thema. Als erstes will ich erwähnen, dass Chaos in der Regel als etwas Negatives wahrgenommen wird, wobei meinem Verständnis nach das Chaos gerade die ursprüngliche Naturkraft ist, aus der unsere ganze Realität entsteht. Wenn es nur Harmonie ohne Chaos gäbe, dann wäre unser Leben ziemlich langweilig und flach. Das Chaos habe ich Schwester genannt, weil es keine chaotischen Männer gibt. Männer gibt es nur unerträglich langweilige und eindeutige.

- Ein Album von „Aquarium“ trägt den Namen der ersten, dämonischen Frau Adams - Lilith. Sie singen von Mutter Anarchie. Es gibt auch die Drei Schwestern, die den lyrischen Held in Stücke reißen. Mögen Sie dämonische Frauen?
- Ich konstatiere lediglich einen Fakt. Ich mag ruhige und leise Frauen, obwohl ich noch nie solche gesehen habe.
BG zuckt mit den Schulter, grinst irgendwie verlegen und präzisiert:
- Also, ich habe keine harmonischen Frauen getroffen. Das heißt nicht, dass sie mir so chaotisch nicht gefallen. Ich denke immer öfter, das Matriarchat wäre für die Welt besser gewesen, als das, was jetzt ist.

- Und wovon ist mehr in Ihnen – vom Chaos oder von der Harmonie? Bemühen Sie sich, eine harmonische Persönlichkeit zu werden? Was gibt Ihnen das Gefühl der Harmonie?
- Nein, ich strebe nicht nur Harmonie allein an. Ich interessiere mich für das Gleichgewicht zwischen Chaos und Harmonie. Die ganze Zeit halte ich mich an der Harmonie fest und dabei sind meine Füße im Chaos versunken, oder umgekehrt, - auf seinem Gesicht erscheint ein trauriges Lächeln und er fügt melancholisch hinzu: - Und schöpfen kann man Harmonie zum Beispiel aus der Musik. Wenn man nur will, kann man sehr viele harmonische Sachen in der Welt finden.

- Mit dem Wort „Harmonie“ verbindet man meistens den Osten. Sie sind Stammgast in Nepal und Indien. Was suchen Sie da und finden Sie etwas Wichtiges?
- Ich suche alles, was ich im Westen nicht finde. Das, was man, meiner Meinung nach, im Westen auch nicht finden kann. Ich interessiere mich für die philosophischen und religiösen Systeme, die dem Menschen wirklich zu überleben helfen, die konkrete Praktiken und Methoden anbieten können, die die Persönlichkeit des Menschen und seine Umgebung in eine erträglichere Richtung führen. Westliche Philosophie ist meistens leider nur leeres Gequatsche und das Christentum ist komplett mit einer Schicht von Betondogmen bedeckt, durch die unmöglich ist, den Kern zu erreichen. Über die östlichen Doktrinen der Rettung und der Befreiung habe ich in meiner Jugend in weisen Büchern gelesen. Ich reiste nach Osten, um mich zu überzeugen, ob das in der Realität existiert. Ich war glücklich, da all diese tausendjährigen Traditionen immer noch vorzufinden sind, in Indien und Nepal kann man immer noch Lehrer treffen, die den Suchenden helfen wollen und können.

- Versuchen Sie auch, Ihre Kinder auf östliche Weise zu erziehen?
- Meine Kinder erziehe ich in keiner Weise, und, Gott bewahre, ich erziehe ihnen keinen religiösen Glauben an. Jeder Mensch soll seine Weltvorstellungen selbst wählen, und Eltern haben kein Recht, Druck auf ihre Kinder auszuüben.

- Viele reisen nach Indien zu Satja Sai Baba. Sie sind auch mehrmals da gewesen. Unsere Intellektuellen betrachten so einen Heiligen nicht sehr wohlwollend. Sind denn materielle Uhren „Rolex“ und Ringe mit Edelsteinen ein unbedingter Beweis eines Heiligtums? Sie sind ein ausgebildeter Mathematiker, glauben Sie an Wunder, könnten Sie sie erklären?
- Die Meinung anderer über dieses oder jenes Ereignis ist mir absolut unwichtig. Und mein eigener Blick auf Sai Baba ist sehr positiv. Aber es ist keineswegs, weil er aus dem Nichts ein buntes Steinchen holen und es einem Unglücklichen, der nach so einem Ding lechzt, schenken kann. Als Mathematiker, wenn ich Ihnen immer noch als solcher erscheine, kann ich das sehr leicht und einfach erklären. Es gibt dieses Energieerhaltungsgesetz. In uns und um uns herum versteckt sich eine gewaltige Energie. Wir verwenden nur einen Bruchteil davon, und Menschen wie Sai Baba können ungleich mehr. Gerade deswegen gefällt mir, in der Nähe von Sai Baba zu sein, die mich von dem ganzen Staub des Alltags reinigt. Mir scheint, dass wir eine gute Verbindung zueinander haben. Zugegebenermaßen war ich, weil der Sai Baba sich nicht auf mich gestürzt hat wie auf einen lang ersehnten Gast, mein Ego ein wenig verletzt, als ich zum ersten Mal ins Aschram Putaparti kam. Ich stand in der Menge und das war’s, er ist vorbeigegangen als ob nichts wäre. Wie jeder normaler Mensch habe ich mir heimlich gewünscht, von den anderen hervorgehoben zu werden. Aber leider hat sich herausgestellt, dass ich so wie die anderen bin. Am Anfang hat mich das ein bisschen bekümmert. Dann habe ich aber verstanden, dass es eine gute Lehre für meinen Ehrgeiz ist. Später habe ich regelmäßig Wunder erfahren!

Schweigend zündete BG sich eine weitere Zigarette im Verlauf unseres Gespräches an, und auf seinem Gesicht erschien ein geheimnisvoller und ein wenig verspielter Ausdruck.

- Wenn es kein großes Geheimnis ist, welche Wunder waren das?
- Bitte. Zum Beispiel habe ich mich plötzlich wie in einer Sackgasse gefühlt, als wir in London das Album „Schneelöwe“ abgemischt haben und ich habe verstanden, dass ich nicht weiß, wie ich weiter arbeiten soll. Ich habe alles hingeschmissen und bin, die entstandenen Fragen ständig in meinen Gedanken wiederholend, zu Sai Baba gefahren. Aber ich war wieder nicht unter den Glücklichen, die Sai Baba zu einem persönlichen Gespräch auswählte. Also waren meine Probleme auch dieses Mal nicht so wichtig, wie die der anderen. Aber schon in der ersten Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich stundenlang mit Keith Richards von THE ROLLING STONES gesprochen habe. Ich erinnere mich nicht an die Fragen, die ich ihm gestellt habe, aber nach dem Aufwachen kannte ich bereits alle Antworten. Es war absolut klar, was weiter zu tun war.

- Auf Reisen im Osten habe ich viele Leute getroffen, die wegen all dem Gesehenen und Durchlebten einen hoffnungslosen Dachschaden erlitten haben. Ich selber habe mehrmals das Gefühl gehabt: noch ein paar Schritte, und der gesunde Verstand zerfällt für immer in kleine Splitter. Bestand auch bei Ihnen die Gefahr, den Verstand wegen der geistigen Experimente zu verlieren? Oder ist Ihre Psyche absolut stabil?
- Ich hatte keinen Grund, den Verstand zu verlieren. Mit stabiler Psyche kann ich auch nicht prahlen. Aber ich bin zum Glück absolut träge. Das schützt mich. Ich habe nie etwas gesehen und nichts erlebt, wovon man verrückt werden könnte. Die Wunder, die manche verrückt machen, sind für mich absolut normal.

- Wenn Sie so eine stabile Psyche haben, dann sind Sie vermutlich oft glücklich?
- Glücklich bin ich dann, wenn ich die Last meines Ichs nicht empfinde. Das Ego kann bei der Meditation, bei einem Orgasmus, beim Verfassen von Gedichten und Musik und beim Singen verschwinden. Das Glück kommt dann, wenn das Ich verschwindet. Buddha hat vor 2500 Jahren darüber gesprochen.

- Existieren außer Buddha auch hier und jetzt noch irgendwelche Autoritäten unter den lebenden Menschen? Gibt es solche Persönlichkeiten, auf die Sie hören würden?
- Wenn mein Lama mir sagen würde: „ Mein Lieber, du hast hier alles schmutzig gemacht“, ich würde mit Respekt „Ja“ antworten und sofort sauber machen.

- Und wer ist Ihr Lama, wenn es keine Geheimnis ist?
- Mein Lama ist ein Tibeter, er wohnt zur Zeit in Katmandu, in einem großen Kloster neben der Stupa Bodnath. Sein Name ist Chokji Njima Rinpotche. Dieser Lehrer ist sehr wichtig für mich. Er selbst hat mich unter den anderen Schülern „angepeilt“ und gesagt: „Mir scheint, wir haben eine starke geistige Verbindung“. Ich war sehr stolz und zufrieden. In der Tat sind wir uns irgendwie ähnlich, obwohl man es vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen kann. Wir sehen uns nicht oft, aber mir bedeutet jede Begegnung sehr viel.

- Mit dem Chokji Njima habe ich mich auch getroffen. Aber ich kam zu ihm in Begleitung des Orakels Lhamo, die, als sie den Rinpotche gesehen hat, sofort in Trance gefallen ist. Sie wurde von irgend einer Gottheit besessen, die mit einer gedehnten und klangvollen Stimme gesungen hat. Klar, dass mich keiner bemerkt hat. Aber zum Abschied hat mir Chokji Njima einige sehr angenehme Dinge gesagt. Mein Ego war sofort enorm gewachsen.
BG schaute aufmerksam auf meine weit ausgestreckten Hände, um zu bemessen, wie weit sich damals mein Ego erweitert hatte, und erklärte mit in tröstendem Tonfall:
- Das ist nichts beängstigendes, wenn es sich vergrößert hat, dann wird es sich auch verkleinern. So ist das Ego… Und eine zweite Autorität haben Sie bereits erwähnt – es ist das Orakel von Katmandu, Lhamo. Es gibt noch einen guten Freund – eine Schamanin aus Sibirien. Zur Zeit ist sie gerade zu Gast in Litauen. Wenn sie mir mit dem Finger drohen und sagen würde: „Hey, Bursche, mach so was nicht“, ich würde gehorchen ohne zu zwinkern. Es gibt Menschen, denen ich vertraue. Es sind nicht viele. Alle andere können mir raten und befehlen soviel sie wollen, ich werde allen dasselbe erwidern: „Was ich tue, das weiß ich am besten“.

- Sie rauchen ununterbrochen. Hat denn niemand von Ihren Autoritäten Ihnen gesagt, dass dies eine sehr schädliche Angewohnheit ist? Haben denn die tibetischen Lamas Sie nicht gewarnt, dass der Tabakrauch alle subtilen Körperkanäle verstopft und dass in der Todesstunde das Bewusstsein an einer anderen Stelle den Körper verlassen kann, als es sich gehört?
- Sie haben sowohl geredet, als auch belehrt und abgeschreckt. Ich habe alles gehört, alles. Ich bin schuldig, sehr schuldig. Ja, das Rauchen ist meine schlimmste Angewohnheit, die mich direkt umbringt. Ich nähere mich Schritt für Schritt dem Punkt, an dem ich aufhöre zu rauchen, aber ich scheine auf der Stelle zu stehen. Tibetische Lamas haben mir alles erklärt, mich gewarnt, mich abgeschreckt… Ich praktiziere sogar eine spezielle Art von Yoga, damit vom Rauchen, wie Sie sagen, das Ganze nicht verstopft.

- In einem bekannten Lied erzählen Sie von einem Yogi, der sich zum Friedhof schleppt, um sich dort mit der Praktik Chod zu beschäftigen, die alle Anhängigkeiten abtrennt. Welche Ihrer Anhängigkeiten würden sie an der Wurzel abtrennen?
- Ich würde alle bis auf eine meiner Anhängigkeiten abtrennen. Wenn man schon von der Praktik Chod spricht, auch mit ihr kann man das Atmen, das Fließen des Blutes oder die Liebe zur Kunst nicht abtrennen. Doch alle anderen Gewohnheiten kann man sicher abtrennen. Und wenn man kann, dann soll man.

- Wie viele Masken haben Sie?

- Nicht eine. Es ist nutzlose Zeitverschwendung, eine Maske zu erstellen, sie dann zu tragen und letztendlich abzureißen. Damit kann man sich beschäftigen, wenn man sonst nichts mehr zu tun hat. Für mich gibt es interessantere Dinge.

- Was bedeuten die Träume für Sie? Klären Sie die Bedeutung Ihrer Träume, oder praktizieren Sie vielleicht Traumyoga? Können Sie sie möglicherweise sogar kontrollieren und den Ablauf ihrer Träume verändern?
- Träume bedeuten mir sehr viel. Ich kann sie nicht kontrollieren, obwohl ich es oft versucht habe. Und nach jedem Versuch habe ich eins auf den Kopf gekriegt und bin in sehr unangenehme Zustände geraten. Das hält mich von weiteren Experimenten in dieser Richtung ab. Es gibt zwei Dinge, in die ich mich nicht einmische: Traumjoga und Tarokarten. Ansonsten können Träume nicht nur zu einem sehr wichtigen Lebenswerkzeug für jeden Menschen werden, sie sollten es auch. Denn im Traum werden von uns selbst oder von jemand anderem Signale über die Dinge, die in unserem Leben nicht in Ordnung sind, an uns geschickt. Diese Zeichen soll man nutzen. Und ich nutze sie. Wenn irgendwelche Träume sich ständig und eindringlich wiederholen, beginne ich, mich aufmerksam in meinem Alltag umzusehen und danach zu suchen, was da nicht in Ordnung ist. Es gibt viele Sachen, die ein gewöhnliches, nicht träumendes Bewusstsein einfach nicht merken kann. Und Träume haben die Macht, diese unsichtbaren Details der Realität zu fixieren. Ich habe keine wahrsagenden Träume, aber es gab einige sehr markante, ungewöhnliche. Solche, die ungewöhnliche Entscheidungen und Taten ernsthaft beeinflußt haben

- Interessieren Sie sich für Psychoanalyse?
- Psychoanalyse, Soziologie… Ich freue mich einfach, dass einige Menschen sich damit ihr Brot verdienen können. Ich wünsche ihnen viel Glück.

- Sind sie ein Optimist oder ein Pessimist? Begabte Menschen leiden oft an Depressionen. Sind Ihnen solche Zustände vertraut und wie schützen Sie sich davor?
- Meiner Meinung nach sind beide Begriffe, „Optimismus“ und „Pessimismus“, künstlich und aus dem Finger gesaugt. In der Welt, wo ich lebe, in der Realität, die ich sehe, gibt es weder Platz für Optimismus noch für Pessimismus. Und Depressionen… Davon gibt es mehr als genug.
Hier mischt sich plötzlich ein Werbeagent von „Aquarium“ aus Litauen, Mark Schlamovitch, ein und beginnt die Leichtigkeit der schweren Zustände von BG zu erklären, aber der Herr wirft sich auf die Verteidigung seines Schmerzes wie ein Löwe:
- Meine Depressionen sind die größten, die mächtigsten, die reinsten und bester Qualität! Depressive Stimmung kommt fast nach jedem Konzert, auch wenn es gut gelungen ist, auf. Ich rette mich elementar. Manchmal können 15 Minuten der Yoga oder Meditation helfen. Manchmal - der Wein. Oder etwas anderes…

- Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, wenn es solche in Ihrem anstrengenden Arbeitsplan überhaupt gibt? Welche Feiertage feiern Sie?
- Ich mag mähen. Dann fallen einem so viele neue gute Ideen ein. Feiertage feiere ich wie alle anderen Menschen. Und diesen Jahreswechsel habe ich sogar dreimal gefeiert. Meine alten Freunde von den Eurythmics – Dave Stewart und Annie Lennox – haben mich eingeladen, den Jahreswechsel mit ihnen auf Jamaika zu feiern. So haben wir in der Silvesternacht erst mit Annie Lennox ein altes jamaikanisches Lied im Studio aufgenommen. Dann habe ich nachts mitten im Wald im Wasserfall gebadet und meine Frau hat mit einer Kerze daneben gestanden, damit ich in der absoluten Dunkelheit nicht verloren gehe. Letztendlich hat Dave einen großen Strand gemietet und wir haben ein wunderbares Konzert gegeben. Wenn ich es nicht verpasse, bemühe ich mich immer, auch das tibetische Neujahr zu feiern, das man nach dem Mondkalender feiert. Die Mondphasen haben eine große Wirkung auf mich und ich versuche immer, auf sie zu achten. Zum Beispiel sind die fünf Tage vor dem Vollmond und ein paar Tage danach für die Schöpfungskraft am günstigsten.

- Sie haben gerade in einem vegetarischen Restaurant zu Mittag gegessen. Aber ich habe gehört, dass Sie ein großer Fleischesser sind. Sie haben vermutlich bemerkt, dass man die Buddhisten sehr oft fragt, wie sie ihre Brüder und Schwestern – Stiere und Schweine - essen können?

- Der Buddhismus verbietet nicht, Fleisch zu essen, man darf die Lebewesen fürs Mittag oder Abendessen nur nicht selbst töten. Manchen scheint solche Antwort nur eine Ausrede zu sein, aber was kann man tun, wenn die Leute das Wesentliche nicht begreifen.

- Ihre Hose ist mit dem Schriftzug - Fuck, Fuck, Fuck bedeckt... Es scheint, dass bereits alle Zeitungen Russlands darüber geschrieben haben. Was bedeutet diese Aufschrift – ist es der Aufruf irgendeiner westlichen Form von Tantra, Ihr Lieblingsschimpfwort oder...
- Für mich bedeutet der Aufdruck gar nichts. Die Hose selbst hat mir gefallen, deswegen habe ich sie gekauft, aber man fragt, schreibt und spricht so hartnäckig über diesen Schriftzug, dass ich die Hose vermutlich noch lange nicht ausziehe.

- Haben Sie einen eigenen Designer, wie es sich für einen Star gehört?
- Mein eigener Designer würde sich nach einer Stunde unserer Unterhaltung aufhängen. Niemand könnte mich jemals zwingen, das anzuziehen, was mir selbst nicht gefällt. Vielleicht kommt meine Kleidung irgendwem geschmacklos vor, aber das Wichtigste ist, dass ich mich darin wohl fühle.

- Anhand der Kleidung kann man die Geografie Ihrer Reisen ausmachen: Hose aus Amerika, T-Shirt wahrscheinlich aus Jamaika, Schmuck aus Nepal und Indien... In welchem Land fühlen Sie sich am wohlsten? Vielleicht in der Heimat – in Russland, wo Sie schon zu einem eigentümlichen Guru geworden sind?

- Ich fühle mich fast überall wohl. Sogar in Russland. Besonders solange man mich da braucht. Ich weiß, dass man „Aquarium“ an vielen Orten erwartet, man interessiert sich für uns, man hört uns zu, man lernt sogar von uns. Ich betrachte mich nicht als Guru, denn für diese Rolle braucht man ein großes Verantwortungsgefühl, das ich nicht habe. Mein Hauptmedium ist Kunst. Oder vielleicht ist es umgekehrt, und ich selbst bin der eigentümliche Vermittler von mancher Ideen. Ohne ein Guru zu werden und so bleibend, wie ich bin, sammle ich fast alle Vorteile und bekomme keine Nachteile. Es ist eine sehr bequeme Position.

- Hinter Ihnen sind immer Mengen von Verehrern her, haben Sie auch richtige Freunde?
- Ich habe überhaupt keine Freunde, dafür eine Unmenge an Bekannten, - hatte BG wie abgehackt gesagt, aber als er bemerkte, wie von seiner Misanthropie mein Gesicht lang geworden war, prustete er los und fügte kurz hinzu:
- Na klar, es gibt auch Nahestehende.

- Mögen Sie die Einsamkeit?
- Ich empfinde ständig ein Defizit an Einsamkeit. Ich würde gerne viel öfter und viel mehr allein sein, als die Umstände es mir erlauben. So träume ich von einer gemütlichen Höhle im Himalaja, wo ich die Einsamkeit genießen könnte. Aber aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass ich, wenn ich in diese Höhle geraten würde und zwei Stunden im perfekten Lotussitz sitzen würde, anfangen würde, an irgendein Lied zu denken, das ich aufnehmen möchte. Mir würden die vor Verlangen etwas zu spielen die Hände zu jucken beginnen. Und das war’s – Ende der angestrebter Einsamkeit.

- Wie ist Ihre Sichtweise in Bezug auf die Familie? Ist sie ein notwendiges Gesellschaftsglied oder ein für den modernen Menschen unnötiges Überbleibsel?
BG schweigt ein paar Minuten und beunruhigte Menschen aus seiner Umgebung beginnen, mir Zeichen zu geben, dass die Gesprächszeit um ist.

- Vielleicht wollen Sie diese Frage nicht beantworten?
- Doch.
BG hat versucht die letzten Tropfen aus der Teekanne herauszukriegen, noch eine Zigarette angezündet und sagte sehr leise:
- Unter Familie verstehe ich keine Einrichtung, die für den Fortbestand der menschlichen Art geschaffen wurde, sondern das Zusammensein mit einem seelenverwandten Menschen, mit dem man die Welt so erforschen kann, wie man es alleine nicht schafft. In der Familie bist du nicht mehr allein, sondern zu zweit, und solch ein gemeinsames Dasein soll man als eine große Gabe annehmen. Dieser Zweite soll ein absoluter Gleichgesinnter und dein Gefährte auf allen Lebensgebieten sein. Es ist ein Mensch, mit dem man zusammen sterben und dann sein gemeinsames Dasein auch nach dem Tod weiter führen kann.

- Haben Sie Angst vor dem Tod? Kann es sein, dass Sie sich nach tibetischen Lehren irgendwie besonders darauf vorbereiten?
- Ich denke, es ist irgendwie unangebracht und sogar unhöflich, sich vor dem Tod zu fürchten. Weshalb soll man ihn fürchten? Meine Vorbereitung auf den Tod ist eindeutig: solange ich lebe, bemühe ich mich, soviel wie möglich zu tun. Wozu bin ich mit gesunden Händen, Beinen und Kopf hier? Etwa um die Zeit zu verschwenden? Also schufte ich. Natürlich habe ich sehr viele tibetische Lehren darüber, wie man richtig sterben soll, gehört. Wie man sich zwischen dem Tod und der neuen Verkörperung, in der Periode, die, wie eins unserer Alben, „Bardo“ heißt, benehmen soll. Ich werde in meinen Meditationen kaum das Niveau erreichen, wo ich leicht und elegant weggehen und dabei zum Abschied das heilige Wörtchen „P’hat“ sagen könnte.
Dieses Wort atmete BG wie einen letzten Seufzer aus.
- Obwohl, wer weiß, vielleicht werde ich Glück haben.

- Zum Schluss lassen Sie uns über die Liebe sprechen, über die man ganze Jahrhunderte lang in allen Ecken der Erde so viel geschrieben, gespielt, gesungen hat...
BG macht wieder eine bedeutungsvolle Pause und sagt letztendlich leise, als ob er eine Geheimnis preisgibt:
- Wenn du einen Menschen liebst, dann willst du ihm all das Beste, was du hast, geben. Aber dieser Prozess soll auf Gegenseitigkeit beruhen und nur dann kann man es Liebe nennen. Es ist auch nicht so wichtig, wie lange diese Liebe dauert – ein ganzes Leben, ein Jahr, ein paar Stunden oder ein paar Minuten. Dieses Gefühl kann einen überall erwischen – in Japan, auf Jamaika oder in Piter (St. Petersburg) oder... Liebe kann man überall erkennen. Und wenn der Geliebte und Liebende immer beieinander sind, dann ist es einfach wundervoll. Das wünsche ich jedem.

Als er das gesagt hatte, stand BG auf und ging langsam weg.


© Gespräch mit Jurga Ivanauskaite
© Russische Übersetzung von Gle
© Deutsche Übersetzung von der
Übrsetzerteam

 

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